© Nicolas Guiot, MBPROSPECTS, 2007
SANS FISSURE APPARENTE (OHNE SICHTBAREN RISS)
Ganz am Anfang des letzten Buches hat Jean Genet eine handgeschriebene Anmerkung hinterlassen, welche mich heute noch verfolgt. Es ist eine Erwähnung, welche wie ein Echo auf den funkelnden Titel "Le captif amoureux" "Der verliebte Gefangene" klingt - ein schmerzhaftes Paradox: "Verschließen Sie alle Bilder der Sprache und wenden Sie sie an, denn sie sind in der Wüste, wo man sie suchen muss." Wie ebenso paradoxale Biegungen, richten die Vorschläge von Bertrand Derel, Nicolas Guiot und Clément Laigle, trotz einem Misstrauen gegenüber den Sprachregeln, die für mich nur ein Anschein ist, ohne Ruhe, bewegte Beziehungen zu Orten ein, gesträubt mit Interessen und Gleichgültigkeit, den Gesetzen der Architektur entflohen und der Unmöglichkeiten verkörpernd, machen sie sich in der darauf folgenden Sekunde darüber lustig, entleihen erprobte Formen, um ihnen mit seltenen schallenden Stimmen und Gelächter entfliehen zu können.
Die geheime Geschichte ähnelt der eines mit hundert Kilometer pro Stunde auf den Randstreifen einer Abstraktion, welche nichts anderes wollte, als ohne Schutz zu atmen, gestarteten Fahrzeuges. Landmesser ohne Metermaß, sie haben ein Talent für irreführende Dimensionen. Befinden wir uns darin? Befinden wir uns außerhalb? Uns abzunutzen ist unser Los. Ich erinnere mich an eine Gewalt, die mein Verhältnis zum Raum, mein Glauben an Formen, an Materiale zerstört.
Diese Gewalt hat sonderbare Fähigkeiten, sie trägt in sich Fragen, Ungläubigkeit und Verwunderung. Denn das was schwankt ähnelt der Musik, in welcher Instrumente sich antworten, sich anstoßen, Zutrauen gewinnen oder sich bekriegen. Schwindelgefühl? Ich sehe in diesen wenig orthodoxen Geometrien Barock. Seltsame, unformulierte Bilder. Mein Gedächtnis setzt unabhängige Gebiete zusammen, die Verbindungen funktionieren. Jeder Grundriss, jedes Bild im Raum deuten meinen Körper um, innere Gelächter verkrampfen oder lösen meine Zunge, ich bin ein, einen Abhang herunterfallender, Betrachter, versuch mich an einer Farbe festzuhalten und an einer von Rissen befallenen Wand hochzuklettern. Jetzt weiß ich es: ich kann über Bord gehen ohne mich auch nur einen Millimeter bewegt zu haben. Weil das Wort immer zweideutig ist. Nicht machtlos aber unvollständig. In einer Spanne. Auch die Titel verstoßen nicht gegen diese Bezeichnungen. Jedoch schaffen sie es die Konturen der Ablenkung zu benutzen, um die Gebiete besser abzugrenzen. Und sie lassen uns zu Zeugen werden, von dem was flieht und den Gegensatz sucht. Garantierte Höhenflüge.
Pierre Giquel übersetzt auf Deutsch von Jana Kaffka
QUATRE EXPOSITIONS PERSONELLES À NETWERK, AALST
(VIER PERSÖNLICHE AUSSTELLUNGEN IM NETWERK, AALST)
Die künstlerische Leitung des zeitgenössischen Kunstzentrums Netwerk (Netzwerk) in Aalst bezieht sich auf die Ausstellung von jungen heimischen und internationalen Talenten und auf die Weiterverfolgung ihrer Werke im Laufe der Zeit. Zurzeit präsentiert Netwerk vier Solo-Ausstellungen, die der ständige Denker des Zentrums, Bram Van Damme, in einem etwas zwanghaften philosophischen Anordnungselan konzipiert hat. Die Werke von Virginie Bailly, Nicolas Guiot, Kristin Posehn, Isabelle Hayeur und Eric Raymond werden mit der "Allgemeinen Landschaft" des 16. Jahrhunderts in Beziehung gesetzt.
Ausgedehnte Landschaften, "zusammenphantasiert" von Malern, wie zum Beispiel Pierre Brueghel der Alte oder Joachim Patinier und in einer tiefen Perspektive dargestellt, sowie die "großen Entdecker" die Welt sehen würden. Für Netwerk eine gute Gelegenheit diese kunstgeschichtliche Denkform mit der zeitgenössischen Situation der geographischen Ausdehnung zu verknüpfen. Letzteres präsentiert sich heutzutage mittels all der neuen Navigationsinstrumente, die mittlerweile urheberrechtsfrei sind und die tief in unsere Privatsphäre eingedrungen sind.
Was Bram Van Damme mit seiner Feststellung, dass die "eingeladenen Künstler beweisen, dass sie die Instrumente der geistlichen Präzision besitzen, um den aktuellen Entwicklungen auf ansteckender Weise Form geben zu können" zu beweisen versucht, bleibt im Rahmen dieser Ausstellung ein Geheimnis.
(...)
Die Eingriffe des Künstlers Nicolas Guiot sind jedes Mal anders und sein "Encombrant 8" ("Sperrige 8") entfaltet eine große Aufmerksamkeit im positiven Sinne. Nicolas Guiot greift wieder einmal in die Architektur ein, so wie er es schon letzten Sommer im Stuk (Louvain - Belgien) und im Rathaus von Zoutleew (Belgien) tat. Das Konzept seiner Holzskulpturen liegt klar auf der Hand, jedoch erwähnen sie einen nicht unwichtigen Einfluss auf die Umwelt. Im Netwerk kann man einen riesengroßen Holzbalken sehen, welcher an der Fassade lehnt und das Bauwerk buchstäblich zu stützen scheint. Ein anderer Holzbalken liegt auf dem Dach des Gebäudes und hängt mit einer Seite bedrohlich über dem Haupteingang des Kunstzentrums. Diese Installation hat ein ganzes Stadtviertel bewegt. Sie ist tatsächlich sehr spektakulär, jedoch enthüllt sie eine Unzahl an Betrachtungen... Der Maßstab, die Kritik der Architektur und der Verweis auf die Schleusenkammer aus Beton, welche die Dendre überspannt, sind nur ein Teil der vielfachen Assoziationen, die durch dieses minimale Werk freigesetzt werden.
Bram Van Damme bezieht sich in seinen Kommentaren auf "Google Earth" mit dem noblen Gedanken, dass dieses Werk vielleicht eines Tages auf dieser erfolgreichen Webseite zu sehen ist...
Luk Lambrecht, Knackblog 20 maart 2007 übersetzt auf Deutsch von Jana Kaffka
Gambling.2, 2007
MDF
600 x 400 x 300 cm
Gambling.3, 2007
MDF
350 x 445 x 420 cm
Encombrant#8, 2007

Encombrant#9, 2007
Comment peut-il supporter çà? (Encombrant#7), 2006
Encombrant #6 / (Le musée est fermé, s'adresser au musée), 2006
Encombrant #5 / (Laissons-les en dehors de çà), 2006

Encombrant #4 / (Ça passe par la fenêtre), 2005
Untitled (Encombrant#3), 2004
Beton
700 x 300 cm
Untitled (Encombrant), 2003
Holz und Holzplatten (Faserplatte)
400 x 300 x 400 cm
Encombrant (Encombrant#1), 2001
Mdf-Platten und Holz
261 x 185 x 160 cm
Le plat pays, 2005
Baugerüste und Holz
1752 x 1240 x 600 cm
Untitled (peinture écrasée), 2003
MDF und Acrylfarbe
250 x 122 cm
ENCOMBRANTS
Ein einfaches aber effektives Prinzip : Die Befreiung von den Zwängen des Raumes ermöglicht einen Austausch losgelöst von Regeln und Zwängen, durch den ungeahnte Möglichkeiten aufgezeigt werden. Wie gelingt es jedoch in den Austellungsräume dieses neue, ungewohnte Modell umzusetzen, in welchem die Räume durch das Prinzip der Umkehrung eine völlig neue Bedeutung gewinnen?
Nicolas Guiot löst diese Problematik durch Anhäufung, überfüllung und übertretung der Fläche. Er beugt sich weder Regeln, die den Dialog mit der Aussenwelt und die persönlichen Vorstellungskraft einengen könnten, noch jedweder Platzzuweisung. Der Raum ist für ihn keine rigide, sich um ein Epizentrum drehende, geschlossene Einheit, oder eine unbegrenzte Fläche ohne Orientierungspunkte, sondern vielmehr ein essentielles Element, das es als eigene Größe in die künstlerische Arbeit zu integrieren gilt. Der Raum erscheint nicht als passive Einheit, sondern als die eigentliche Materie der Experimente von Einschränkung und Erweiterung.Es handelt sich um eine Art Spiel mit der Ausdehnung des Rahmens sowie des Inhaltes, hervorgerufen durch Anhäufung und überfüllung von Materie.
Durch die gewollte Nichtanpassung an die Grenzen des Raumes, überfüllen seine Werke diesen einerseits, und grenzen sich andererseits von ihm ab. Trotzdem ist diese Anhäufung nie einfache Ausfüllung und die überschreitung der Raumgrenzen nie unverhältnismässig - darin zeigt sich die Stärke von Nicolas Guiots Intervention.
Die drei Strukturen aus Holz und Platten sind keine disproportionnierten, monströsen Schöpfungen, sondern das Ergebnis einer soliden Reflektion des Künstlers, der durch den Einschnitt den Dialog mit dem Raum eröffnet. Das räumliche Umfeld ist nicht passiver Hintergrund der Installation, sondern Platform eines Dialoges zwischen Innen- und Aussenräumen.
Die Umkehrung von Innen und Aussen verbildlicht so nicht etwa die auferlegten Zwänge der äusserlichen Gegebenheiten des Umfeldes, sondern die aussergewöhnliche Sicht des Künstlers auf den Raum.
Didier Arnaudet
Nicolas GUIOT * 1978 Lille, France
Lebt und arbeitet in Berlin
Ausbildung
2004 Lauréat HISK 2004, Antwerpen, Belgium
2002 DNSEP-Diplôme National Supérieur d'Expression Plastique. Ecole des Beaux-Arts de Nantes, France
2000 DNAP-Diplôme National d'Art Plastique. Ecole des Beaux-Arts de Nantes, France
Einzelausstellungen
2007 Gamnbling. 2, Galerie Marc Berville Prospects, Paris, France
Kunst sich, Gent, Belgium
Gruppenausstellungen
2007 Artistes Associés, Musée d'art contemporain, Marseille, France
Le Syndrome de Broadway, Parc Saint Léger, Centre d'Art Contemporain, France
Netwerk Gallerie, Aalst, Belgium
Where is my site, Where is my sight?, Espace Beaudoin, Anthony, France
2006 Kunstcamping 2006 , Hertogenbosch, Netherlands
Leere und vision, Herford, Germany
Tempus arti 2006, Landen, Belgium.